Streetart im Ferienkommunismus
Nachdem Sprayer dieses Jahr auf der Фузион besonders aktiv waren, hagelte es seitens der Veranstalter, sowie zahlreicher Gäste aussergewöhnlich harte Kritik. Besonders im Fokus stand dabei das Besprühen von Sanitärcontainern, Müllcontainern, Toiletten, dem Luftschloss, dem Spacebar-Dom, anderer Barzelte und verschiedenen Dekoobjekten.
Angemietetes Privateigentum möchte natürlich in dem ursprünglichen Zustand wieder zurückgegeben werden. Das besprühen solcher Objekte ist dumm und respektlos denen gegenüber die sich bemühen das Festival auch für finanziell schlechter gestellte Besucher zu ermöglichen.
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Respektlos ist natürlich auch das Besprühen liebevoll geschaffener Werke anderer Künstler und egoistisch das taggen, zum Beispiel auf die Leinwände der Turmbühne.
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Sehr unglaubwürdig allerdings ist die Фузион, die sich Ferienkommunismus auf die Fahne schreibt, aber die optische Veränderung von Privateigentum auf das schärfste kritisiert, und wiederrum den Besuchern in sogenannten Propaganda-Paks ihre Sprühschablonen mit nach Hause gibt, sowie ihr Logo in der Erscheinungsform eines Stencils präsentiert.
Wie ist das zu verstehen? Etwa dass sich städtische Hausbesitzer bitte nicht so anstellen möchten wegen etwas subersiver Werbung, aber Klovermietungen sich zu Recht beklagen, wenn ihre stinkenden Plastikhäusschen nach Rückgabe nicht mehr in wunderschönem Braun erstrahlen?
Weshalb wird beispielsweise das Luftschloss, welches mit seinem ursprünglichen Anstrich auch nicht unbedingt als künstlerisches und unantastbares Meisterwerk betrachtet werden könnte, nicht einfach zur Weitergestaltung freigegeben, wo doch seitens vieler Besucher der Bedarf dannach besteht sich entsprechend ihrem kulturellen Hintergrund auf dem Festival mit einzubringen?
Es geht dabei nicht um die Frage “Kunst oder Schmiererei”. Ein Tag bleibt ein Tag und ein Graffiti bleibt ein Graffiti, unabhängig davon ob es laut allgemeinem Konsens als Kunstwerk akzeptiert oder in die Kategorie Vandalismus gepackt wurde. Tatsächlich handelt es sich letztliches um eine jugendkulturelle Ausdrucksform, in künsterisch mehr oder weniger anspruchsvollen Erscheinungen, deren Motivation durchaus verständlich ist:
Städte, Straßen, Kieze sind geprägt von Privateigentum und Werbetafeln großer Unternehmen. Das Stadtbild wird nicht gestaltet von den Menschen die dort wohnen und am öffentlichen Leben teilnehmen, sondern von Burgerketten, Billigdiskountern, Banken, Büros und globaler Monokultur. Wer hat ausser diesen Konzernen die finanziellen Möglichkeiten oder rechtlichen Freiräume, auf legale Weise, in seinem Lebensumfeld das Stadtbild mitzuprägen, seine Message weiterzugeben oder einfach nur präsent zu sein? Dass deutscher Ordnungs- und Regulierungswahn, umzäunte Parkanlagen und die fortschreitende Privatisierung des öffentlichen Raums, es provozieren dem mittels Streetart und einem Hauch von Anarchie etwas entgegen zu setzten, dürfte als selbstverständliche Konsequenz, vielleicht sogar als wichtiger Widerstand, betrachtet werden können.
Die Фузион selber ist nicht geprägt von genannter globaler Monokultur, weswegen nach obigem Erklärungsversuch das Besprühen und Tagen auf dem Festival zunächst nicht gerechtfertigt wäre. Doch die Фузион möchte verschiedenste Jugendbewegungen und Subkulturen zusammenbringen, welche alle in der Parallelwelt dort draussen im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen Strukturen, Problemen und Missständen entstanden sind und einmal jährlich an der Müritz aufeinandertreffen. Dazu gehören z.B. Punk als Antwort auf bürgerliche Sitten und Konventionen, Techno und Ecstasy als Ausgleich zum Leistungsdruck, oder eben Streetart mit dem Bedürfnis to “reclaim the city”.
Das Ausweichen auf dafür bereitgestellte Leinwände wäre keine authentische Lösung. Nicht etwa weil dies “uncool” wäre, sondern weil Streetart per Definition den öffentlichen Raum gestaltet, bzw. das was jenseits des Kapitalismus öffentlicher Raum wäre.
Die optische Veränderung des Luftschlosses innerhalb der vier Tage, könnte mit etwas freierem Geist auch als eine im Zeitraffer entstandene und auf der Idee von Open Source basierende, sehr interessante grafische Darstellung sozialer Vielfalt wahrgenommen werden: Mit Graffitis von mehr oder weniger geübten Sprayern, Paste-ups bekannterer berliner Künstler, Stickern von Aktivisten mit politischen Botschaften und den revier-bepinkelnden Tags von Jugendlichen mit Geltungsdrang. Thats Live - thats Fusion, zumindest ein Ausschnitt davon.
Da die Фузион-Crew, sowie ein Großteil der Gäste das leider nicht so sieht, wäre für das nächste Jahr eine Zusammenarbeit mit Otto Schily empfehlenswert. Der übte zwar nicht ganz so scharfe Kritik an Sprayern wie die Veranstalter des Festivals, hatte aber einige interessante Lösungsansätze parat, wie beispielsweise den Einsatz von Helikoptern und Wärmebildkameras.
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