Kategorie: Gesellschaft

Menschen, Tiere, Sensationen

Vom 29. Mai 2007

Wir bezeichnen uns als aufgeklärte und zivilisierte Gesellschaft. Doch es genügt ein Blick in das tag-tägliche Fernsehprogramm um schnell zu erkennen was hinter den glitzernden Konsumfassaden der westlichen Welt unter Zivilisation verstanden wird.
Nach Talkshows mit journalistisch tiefgründigen Themen wie “Nenn’ meine Mutter nicht Schlampe”, geht jetzt der Macher der Big-Brother-Reihe Endemol Entertainment in den Niederlanden mit der “Großen Spendershow” auf Sendung, bei der sich die unheilbar krebskranke Lisa entscheiden muss welchem der drei Dialysepatienten sie eine Niere spenden wird. Autos gewinnen langweilt eine übersättigte Gesellschaft - da kann sie noch so zivilisiert sein, und wie es aussieht wenn Menschen 365 Tage lang in einem Container essen, duschen, streiten und ficken weiss mittlerweile auch ein Jeder. Wer Unterhaltung mit Spiel, Spaß und Spannung garantieren möchte braucht wirkliche Schicksale.
Welchem der Kandidaten die kleine Lisa ihre letzte Gabe vermachen wird und für welche Dialysepatienten es leider nicht gereicht hat ins Finale zu kommen, erfahren wir dann wahrscheinlich nach der Werbeunterbrechung.

Auf “schockierende Weise” wolle der Sender etwas gegen die mangelhafte Spenderbereitschaft unternehmen, erklärte BNN-Chef Laurens Drillich mit wohltätigen Worten und womöglich wird es der Sendung neben millionenhoher Einnahmen auch tatsächlich gelingen vereinzelte potentielle Spender zum Nachdenken anzuregen. Man darf also gespannt sein wann das erste Kind aus einem Dritte-Welt-Land als verlierender Kandidat in der “Großen Hungershow” vor laufender Kamera verendet, um Gesellschaft und Politik der westlichen Welt für die Problematik zu senisbilisieren.

Was ethisch vertretbar ist und was es zu ächten gilt, darüber ist sich die Geselschaft immerhin einig.
Während bei der Tat von Armin Meiwes, hierzulande auch unter seinem medienwirksamen Alias “Der Kannibale von Rothenburg” bekannt, ein allgemeiner Konsens darüber herrschte die Tat moralisch zu tiefst zu verurteilen, obwohl alles nach Verlangen und beidseitigem Einverständnis von sowohl Täter als auch Opfer statt fand, kann bei der “Großen Spendershow” kaum davon ausgegangen werden dass die konkurierenden Kandidaten tatsächlich ihre Befriedigung darin finden, mit Quizfragen oder Selbstdarstellungen um ihr Leben zu spielen. Doch Geld macht’s wie in diesem Fall nicht nur möglich, sondern auch gleich noch wohltätig.
Wie ärgerlich für Endemol und Herrn Meiwes dass die Verstümmelung und Verspeisung von Bernd Brandes nicht rechtzeitig als Exklusivbeitrag für die “Große Kannibalenshow” gewonnen werden konnten.

Quelle:

tagesschau.de

5 Kommentare »

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Kommentar von Seb

16. Juni 2007 @ 17:48

Natürlich kann man von einem Unternehmen wie endemol nicht erwarten, dass man stoppt und Wert legt auf moralische Grundwerte (was Quoten und Geld bringt rechtfertigt jegliches Motiv). Lediglich eine Kleinigkeit hätte ich dem Beitrag hinzuzufügen.
“Kurz bevor das Organ vergeben werden sollte, offenbarte Moderator Patrick Lodiers den Medienschwindel: Die angeblich unter einem Hirntumor leidende Lisa war eine Schauspielerin, die drei Kandidaten hingegen waren echte Bedürftige, die allerdings vorab über den fiktiven Charakter der Sendung informiert wurden. BNN wollte mit der Show vor allem auf die prekäre Situation Spendenbedürftiger aufmerksam machen. Das Konzept, welches schon vorab für große Empörung gesorgt hatte, brachte dem Sender laut Welt Online die zweithöchsten Einschaltquoten in der niederländischen Fernsehgeschichte.”

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Kommentar von admin

17. Juni 2007 @ 02:44

Bleibt die Frage ob dies tatsächlich so von Anfang an gedacht gewesen war oder Endemol in Anbetracht der scharfen Kritik die es im Vorfeld gehagelt hat und aus Angst vor Rufschädigung, nicht doch noch schnell den Schwanz eingezogen und das Konzept kurzfristig geändert hat. Somit war die Quote sowieso garantiert, den Kritikern aber zusätzlich noch der Wind aus den Segeln genommen und das Unternehmen zum Wohltäter gekührt weil es auf so wunderbar unterhaltsame Art und Weise auf einen Missstand hingewiesen hat.

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Kommentar von alex

17. Juni 2007 @ 10:56

also ich muss schon sagen, schlau was sich die da von endemol gedacht haben, das publikum arglistig getäuscht , das interesse hochgeschraubt und damit die zuschaltquoten. ich frag mich nur ob das moralisch wirklich so verwerflich ist. sie haben so zu sagen 2 fliegen mit einer klappe geschlagen, einerseits den unterhaltungswert des bedürftigen publikums und damit ordentlich quoten und zum anderen natürlich ein breites publikum um die botschaft zu verkünden. und was das verkünden an geht, ich kann mir vorstellen dass die mit erfolg angegommen ist und zwar effektiver als so manche andere kampagne.
die mittel die endemol da ansetzt sind moralisch gesehn das aller unterste, der zweck (welcher nun auch immer) heiligt ja aber bekanntlich die mittel (!?). ich glaube, dass in zukunft die art von informationsübermittlung zum standart wird, die leute wollen durch unterhaltung an information kommen. es sind immer noch wir als zusschauer die das programm durch unsere quoten unterstützen. ich glaube wir müssen einfach hinnehmen, dass die sensationsgeilheit, die die presse an den tag legt auf unserem interesse wächst. warum sonst hat sich die bild-zeitung so lange schon gehalten.
alex

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Kommentar von Seb

20. Juni 2007 @ 17:14

Sicher aus diesem Gesichtspunkt kann man es auch sehen. Eben den Kritikern den Wind aus den Segel genommen und noch gut dastehen. Aber zwei Punkte find ich eher ein wenig fragwürdig. 1. Welchen Effekt wird diese Show tatsächlich haben. Werden jetzt irgendwelche Zuschauer auf einmal einen Teil ihrer Niere spenden, den jeder welcher sich nun in einen Organspenderausweis eintragen lässt, wird wohl kaum einen Effekt auf diese drei haben. 2. Der weitaus wichtigere Punkt meiner Meinung ist, das man den Zuschauer konditioniert. Man kann immer eine Stufe absurder gehen. Schliesslich ist man doch schon einiges gewöhnt. Geld und Quoten haben keine Moral und schon gar nicht Konkurrenzkampf, somit wenn endemol nicht demnächst eine Stufe weiter geht, dann eben ein anderer.
Also Sensationsgeilheit hin oder her. Natürliche befriedigen die Medien das Bedürfnis nach simplem sensationellem Stuss ( Bild-”zeitung” ), jedoch wenn es auf unserem Interesse wächst dann sagt es ja einiges über den Konsumenten aus. Ich denke eher, das einfache und kurze Kost ( Schlagzeilen, ob falsch oder richtig) einem ein Geprächsthema bietet und die meisten froh sind um ein bisschen Abwechslung im öden Alltag. Wer will da schon von irgendeiner tristen Realität hören. Darum mein Schluss - Geld ist Antreiber aller schlechten Nachrichten. Was Geld einbringt hat irgendwie die Wahrheit inne.

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Kommentar von alex

23. Juni 2007 @ 14:07

über die moralische verwerflichkeit von dem was endemol da gemacht hat oder vielleicht besser gesagt wie es endemol gemacht hat braucht man eigentlich ja nicht streiten. dass es solche shows aber gibt, begründet sich auf dem interesse des zuschauers auf den sich die sensationsgeilheit bezieht. hier wurde nicht weniger gemacht als eine marktlücke gestopft. wer diese stopft ist völlig egal, es geht nur darum, dass sie irgendwann erkannt wird. woran definiert sich denn der begriff marktlücke, daran was dem konsumenten noch fehlt. ist erst mal eine nachfrage erkannt, so wird die auch gedeckt. diese lücke ist im hiesigen fall der informationsträger, nicht die info selbst. dass es ein spendeproblem gibt ist nicht neu, es muss nur nochmal gepusht an die oberfläche gelangen. wenn die leute nur durch aktionsendungen und spiele- und stumpe unterhaltungsshows an infos gebracht werden können, dann bitte, die info gelangt schliesslich dort an wo sie hin soll, nämlich an die breite masse. die moral aber ,die dabei auf der strecke bleibt scheint dabei notwendiges opfer zu sein.
daher mein ganz einfacher tip dazu, schaut euch doch so eine scheisse gar nicht erst an. nehmt dem ganzen den nährboden und solche art shows verschwinden ganz automatisch. die nachfrage ergibt sich aus dem bedarf.

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