Medikamente, Gene, Software, MP3 - Wissen als Eigentum, geschützt von den G8: lähmt, macht arm, tötet!
Du willst dir ein Lied vom Computer einer Freundin kopieren, doch du darfst es nicht, da ein Musikunternehmen das Copyright besitzt und “seine” Lieder nur in kopiergeschützten Formaten verkauft. Aidskranke in Afrika benötigen Medikamente, um zu überleben. Eine Fabrik in Indien könnte sie zu einem Bruchteil des Marktpreises herstellen, doch sie darf es nicht, da ein europäischer Pharmakonzern ein Patent auf den Wirkstoff angemeldet hat. KleinbäuerInnen in Lateinamerika könnten aus jeder Ernte etwas Mais für die nächste Aussaat zurückbehalten, doch sie fürfen es nicht, da ein Agrarunternehmen aus den USA das Monopol auf diese Sorte hat und Lizenzgebühren verlangt. Programmiererinnen und Programmierer in aller Welt schreiben gemeinsam freie Software, die jede und jeder kostenlos nutzen darf. Schon bald könnte damit Schluss sein, wenn die von Softwarekonzernen geforderten Patente weltweit Realität werden.
Was hat die Musik auf meinem mp3-Player mit Aids-Medikamenten in Afrika, der Maissaat von KleinbäuerInnen in Lateinamerika und dem Firefox-Browser auf meinem Computer zu tun?
So unterschiedlich diese Punkte und Probleme auch in ihrem Ausmaß sind - hinter ihnen steht ein gemeinsamer Konflikt: Es geht um den Zugang zu so genannten “Wissensgütern”, also Dingen, die man vor allem einmal erfindet oder schaffen muss, dann aber praktisch ohne Aufwand unendlich vervielfältigen kann. Das betrifft natürlich Musik, Computerprogramme oder Filme, die im Brenner oder im Internet leicht kopierbar sind, aber auch Medikamente, deren Produktionskosten nur einen Bruchteil des Verkaufspreises ausmachen, wenn ein Wirkstoff einmal bekannt ist. Ähnliches gilt für Saatgut, das immer wieder aus der Ernte eines Jahres gewonnen werden kann, wenn eine gute Pflanzensorte gezüchtet wurde.
Die vorhandenen Wissensgüter stehen also prinzipiell allen Menschen zur Verfügung, die einen Computer oder Brenner zum kopieren, ein Labor zur Medikamentenproduktion oder einen Acker zum Anbau von Mais nutzen können. Das klingt gut: Alle könnten die Musik hören, die sie möchten, überall würden die Medikamente produziert, die gebraucht werden und die Lebensmittel angebaut, von denen sich Menschen ernähren können.
Doch eine solche Welt wäre der Albtraum der Musikindustrie, der Pharmakonzerne, transnationaler Agrarunternehmen und Softwarenmonopolisten. Sie sehen ihre Milliardenprofite in Gefahr, wenn Wissensgüter frei verbreitet und vervielfältigt werden können. Was jede und jeder kostenlos haben kann, können sie nicht mehr teuer verkaufen. Die bestmögliche Versorgung der Menschheit mit Medikamenten, Lebensmitteln, Software, Filmen und Musik spielt in ihrer kapitalistischen Logik keine Rolle - da interessiert nur der finanzielle Gewinn, den sie aus einem Geschäft ziehen können.
Deshalb fordern sie geistige Monopolrechte an Wissensgütern, die sie als ihr “geistiges Eigentum” bezeichnen. Darunter fallen Patente auf Erfindungen,aber auch Teile der menschlichen Erbinformation (Gene) oder Programmiercodes (Software) sowie Copyrights auf Texte, Musik oder Filme und Sortenrechte an Pflanzenarten und deren Saatgut. Mit diesen “Rechten” und technischen Hindernissen wie Kopierschutz und Digital Rights Management verhindern die Konzerne die freie Weitergabe und Nutzung von Musik, Medikamentenwirkstoffen oder Saatgut. Sie behaupten, dies sei notwendig, um die KünstlerInnen und Forschenden zu entlohnen, die die Wissensgüter geschaffen haben - doch bei denen landet nur ein Bruchteil der Milliardeneinnahmen. Im Wesentlichen profitieren die Unternehmen von dieser Regelung.
Ohnehin wird kein Wissen aus dem Nichts geschaffen - jeder Künstler baut auf bereits geschaffenes auf, jeder Forscher nutz das Wissen anderer. Pharmaunternehmen profitieren nicht nur von den gesammelten Ergebinissen “westlicher” Wissenschaft der letzten Jahrhunderte, sie nutzen oft auch traditionelles Wissen von NaturheilerInnen. Wenn nun neu geschaffene Wissensgüter monopolisiert werden und nur noch gegen Bezahlung genutzt werden können, ist das nich nur unsinnig - es verhinder auch weiteren Fortschritt und die Schaffung neues Wissens in der Zukunft. Kunst und Forschung würden also vom freien Zugang zu Wissensgütern profitieren - finanzieren könnte man sie auch ohne Großkonzerne durch öffentliche Förderung.
Doch die Regierungen der G8-Staaten vertreten die Intgeressen der Konzerne, nicht die der Menschen in Europa, Afrika, Asien oder Amerika, die Medikamente, Nahrung, Wissen und Kultur benötigen. Deshalb setzen sie Patente und Copyright nicht nur in ihren Ländern durch, indem sie z.B. NutzerInnen von Musiktauschbörsen kriminalisieren und verfolgen. Sie zwingen sie mit ihrer wirtschaftlichen Macht auch anderen Ländern auf: Mit dem TRIPS-Abkommen zwangen sie vor allem viele Entwicklungsländer dazu, die Patentansprüche der Konzerne (die vor allem aus den G8-Staaten kommen) anzuerkennen und bei sich durchzusetzen. Daß dadurch Arme ohne Medikamente bleiben können und KleinbäuerInnen sich jedes Jahr neues Saatgut von Agrarkonzernen kaufen müssen, interessiert sie nicht. Im Gegenteil: Bundeskanzlerein Merkel hat angekündigt, den “Schutz geistigen Eigentums” auf dem Gipfel in Heiligendamm noch weiter verbessern zu wollen.
Für uns kann dies weniger Zugang zu Musik und Software bedeuten, für Millionen von KleinbäuerInnen Hunger und Elend und für zahllose Kranke den Tod. Dennoch wissen wir: Die G8 werden es tun - wenn wir sie nicht daran hindern.
fp
aus Junirevolte, Zeitung gegen den G8-Gipfel 2007 - vom Jugendverband [`solid]
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