Kategorie: Kapitalismus

Löbau verschließt seine Arbeiterschließfächer

Vom 7. Februar 2007

PlattenbauIch habe so viele Äpfel dass ich sie niemals alle essen kann und sie auch nicht mehr verkauft bekäme bevor sie allesamt verrottet wären. Und ich werde all diese Äpfel verfaulen lassen, statt irgendjemand anderes davon fressen zu lassen. Und das ist mein gutes Recht!
.
So oder ähnlich wird es zumindest in der Kreisstadt Löbau in der sächsischen Oberlausitz bei dem Thema Harz-IV und Wohnungsleerstand gehandhabt.

Kürzlich in einem kleinen Filmbeitrag bei tagesschau.de gesehen:

Hartz-IV-Bürokratie führt zu merkwürdigen Wohnraumvorgaben

Laut Harz-IV-Reform stehen einem alleinstehenden Menschen 40 m² Wohnfläche zu. Bei einem Zwei-Personen-Haushalt handelt es sich um rund 60 m². Wer nun bisher in einer größeren Wohnung lebte kann entweder umziehen, oder Teile seiner Wohnung zum Sperrgebiet erklären lassen.
Voll bekommen wir die Plattenbauten eh nicht, sagt sich Wohnungsverwaltung und Bau GmbH Löbau. Demzufolge werden die geringeren Mieteinkünfte billigend in Kauf genommen. Besser weniger Miete kassieren als gar keine. Das ist verständlich, doch was nicht bezahlt werden kann, braucht auch nicht genutzt zu werden.
So wird, auch wenn man sich kaum etwas demütigenderes vorstellen kann, den Bewohnern das Schlafzimmer geräumt und versiegelt, weil vorhandener Wohnraum lieber leerstehen und verkommen gelassen wird, statt zur Nutzung freigegeben. Und natürlich muss regelmäßig kontrolliert werden ob die Räume auch tatsächlich ungenutzt bleiben:
Könnte man meinen sie gestern noch als Hausfrau und Mutter Ulrike, als Talkgast bei Vera am Mittag zum brisanten Thema “Geh doch arbeiten, du faule Sau!”, hitzig argumentiert gesehen zu haben, so steht sie plötzlich als Ulrike Wendler zur Hausdurchsuchung vor der Türe, um zu kontrollieren ob deutsches Recht auch ordnungsgemäß beachtet wird. - Der Gerechtigkeit wegen …versteht sich.

Denn Ulrike Wendler kommt in guter Mission und weiß:
“Den Leuten ist wirklich geholfen!”
Dabei überzeugt sie mit einer logischen Erklärung:
“Wenn die dann jetzt sozusagen […] aufs Sozialamt, die Wohnung ist zu groß, die müsste normalerweise ausziehen, das Zimmer verlassen. Und da, wie gesagt, kommen die dann vorsprechen: Frau Wendler, gibts keine andere Lösung? Wir wollen ne ausziehen.”

Doch nicht nur “den Leuten” bringt diese Lösung, wie soeben erläutert, zahlreiche Vorteile. Natürlich profitiert auch die Hausverwaltung.
Matthias Urbansky von der Wohnungsverwaltung und Bau GmbH Löbau erklärt seine Interessen:
“Das bringt uns dass wir die Mieter im Bestand halten, damit wir den Wohnungsleerstand nicht weiter nach oben verbauen. Tja, und das bringt und dass die Leute, wahrscheinlich in der Stadt bleiben.” (… um mit ihren Harz-IV-Bezügen die Wirtschaft am Laufen zu halten).

Sachsens Sozialministerin Helma Orosz von der CDU kennt sich aus in sozialen Belangen und kommentiert:
“Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass natürlich die KDU-Kosten*, also die Kosten der Unterkunft, ähh vom Steuerzahler finanziert werden, und ich glaube es ist gerechtfertigt wenn dort sich deutlich an die Gesetzeslage gehalten wird und auch vielleicht zu diesen Lösungen, die auch nicht jeden erfreuen, gegriffen wird.”

Also, um es nochmal deutlich zu machen:
Die KDU werden vom Steuerzahler finanziert!

Zur Lernkontrolle:
1.) Was wird vom Steuerzahler finanziert?
2.) Was bedeutet KDU?
3.) Glaubst auch du es ist gerechtfertigt wenn sich deutlich an die Gesetzeslage gehalten wird?

Man nehme also Helma Orosz als legislative Gewalt und betone dass die KDU vom Steuerzahler finanziert werden, lässt allgemeine Interessen von der judikativen Stimme Matthias Urbansky’s bekräftigen, überträgt Ulrike Wendler den Posten der Exekutiven und fertig ist der Sozialstaat - zumindest im ostsächsischen Löbau.

* wunderschönes Beamtendeutsch: Präzise formuliert (Kosten der Unterkunft), forular- und aktenfreundlich abgekürzt (KDU), und anschließend zu blöd es nicht als redundantes Akronym in die Sprache zu integrieren (KDU-Kosten).

3 Kommentare »

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Kommentar von alex

17. Februar 2007 @ 15:10

Ist das denn die Möglichkeit? deutsche korrektheit eben.
kannst du die themen nocht noch verlinken, oder ist das aus rechtlichen gründen nicht möglich? quellenangaben sind wichtig und machen das ganze seriöser
gruss alex

119

Kommentar von alex

17. Februar 2007 @ 15:16

ok ich hab den link entdeckt
(lustige antwort wenn man falsch gerechnet hat)

120

Kommentar von alex

17. Februar 2007 @ 15:31

ok das ist unglaublich, das ist der absolute gipfel.
das so etwas von peniblen vermietern betrieben wird, “zum guten des mieters natürlich”, denn die bleiben ja zum einen in der Stadt und zum andern wird der wohnungslehrstand nicht nach oben verbaut!…HÄÄ? kann ja die ausnahme sein, aber das so etwas auch noch von der politik unterstützt wird.

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