Kategorie: Berlin, Kultur

Tote Räume und städtische Ordnung

Vom 3. Dezember 2006

PlanetJenseits großer Einkaufszentren, geordneter Parkanlagen und massenkompatibeler Museen für pseudokulturell interessierte Touristen besitzt Berlin eine Vielzahl interessanter, aber der Öffentlichkeit nicht zugänglicher Orte mit hohem historischem Wert und kulturellem Potential: Verfallene Arbeiterkathedralen, unterirdische Versorgungsanlagen oder stillgelegte U-Bahn-Schächte, ewige Rohbauten und großflächige Dachlandschaften.
Sie dokumentieren und veranschaulichen Berlin und Teile seiner Geschichte sicherlich authentischer als es die rekonstruierten Fassaden des Stadtschlosses als Symbol des deutschen Kaiserreiches, jemals tun könnten.

Zahlreiche solcher Objekte, besonders leerstehende Wohnhäuser und alte Industrieruinen, wurden im Nachwendechaos Anfang der 1990er Jahre spontan besetzt und kulturel genutzt. Viele mussten jedoch im Hauptstadtwahn verschiedenen Unternehmen weichen oder wurden zunehmend von staatlicher Ordnung und städtischer Organisation überrollt. Sie liegen heute großteils verbarrikadiert und ungenutzt als Überreste einer vergangenen Epoche wie Fremdkörper in der Stadt und warten auf ihren Abriss oder den vollständigen Verfall auf Grund unerfüllbarer Auflagen der Ämter für interessierte Veranstalter verschiedener Subkulturen.
Obwohl sich die Stadt so gerne mit der hier vorhandenen Vielfalt an Subkultur brüstet, versucht sie immer wieder diese zu verdrängen. PlanetAuch viele renommierte, alternative Clubs und Kulturzentren fielen dem zum Opfer, wie seinerzeit der Eimer als Treffpunkt der Ost-Berliner Off-Kultur in der Rosenthaler Straße, der Planet in der Köpenicker Straße, welcher die Technokultur in ihren Ursprungsjahren mitprägte oder das Kunsthaus Tacheles, das sich über die Jahre hinweg mehr und mehr an etablierte Kultur anpasste.
Obwohl noch immer genügend Räume zur Verfügung stehen, haben es Künstler und Partyveranstalter ohne kommerzielle Interessen heute schwieriger spontane Projekte auf die Beine zu stellen als dies in der FlaschenturmNachwendezeit möglich war, wodurch kreatives Potential häufig im Keim erstickt wird. Auch Wagenburgen und Hausprojekte wie die Yorck59 oder das Tuntenhaus stehen immer wieder vor dem Problem kommerziellen Interessen weichen zu müssen. So ist beispielsweise der Schwarze Kanal auch an seinem zweiten Standort an der Michaelbrücke den Klagen der Office Grundstücksverwaltung und des deutschen Architekturzentrums ausgesetzt, die eine Wertminderunge ihrer Immobilien befürchten, da die Nachbarn durch die Wagendörfer einem „erheblich städtebaulichen Missstand“ ausgesetzt seien.
Das Ostgut an der Mühlenstraße musste Anfang 2003 den Platz für die Mehrzweckarena räumen, obwohl die Lagerhalle des ehemaligen Ost-Güterbahnhofs erst ein weiteres Jahr später abgerissen wurde.
Die Fuckparade versucht jährlich auf die Verdrängung alternativer, subkultureller Freiräume zu Gunsten finanziell interessierter Investoren aufmerksam zu machen, bekommt allerdings nach wie vor regelmäßig Probleme als Demonstration anerkannt zu werden.
Das Deli sicherte zumindest den Fortbestand seiner Location als Konzerthalle und Technoclub nach der Razzia im Jahr 2002, indem es sie an das Maria am Ostbahnhof weitergab die derzeit auf Grund städtebaulicher Maßnahmen ihren Ort wechseln musste, aber keine Probleme mit den Behörden hatte.

Bei urban exploring, der privaten Entdeckung und Dokumentation ungenutzter Plätze, liegtBetonrohbau der Reiz besonders in der Ästhetik und Romantik die jene Orte in sich bergen, sowie der spürbar authentisch-historischen Athmosphäre. Die eintretende Verwilderung und der Verfall nach dem Verlassen ehemals intensiv genutzter Anlagen und strukturierter Betriebe, sowie der Kontrast zu moderner städtebaulicher Investition und Ordnung, schafft Freiraum für eine entspannende und befreiende Zivilisationsflucht und wird von Streetartkünstlern und Graffiti-Sprayern als Möglichkeit genutzt ihre Umgebung zu gestalten ohne angegriffen zu werden, jedoch auch ohne dabei die Öffentlichkeit erreichen zu können. Nie fertiggestellte Bauvorhaben beeindrucken als nicht gern gesehene Mahnmale für kapitalistische Überheblichkeit und über dem Kiez entsteht auf den Dächern von Berlin Mary-Poppins-Romantik zwischen Hauptstraßen und Hinterhöfen.

Meist gehen die Erkundungen dieser Objekte jedoch mit Einbruch oder Hausfriedensbruch einher. Legal zugänglich werden sie allerdings meist erst wieder, falls Investoren gefunden werden können, denen es möglich ist die Auflagen des Landesdenkmalamtes oder des Ordnungsamtes zu erfüllen und sie zu weiteren Shoppingcentern ausbauen lassen.

Eine legale Alternative, verborgene und historische Anlagen in Berin zu besichtigen bietet der Verein Berliner Unterwelten e. V. an, der sich vor allem auf unterirdische Anlagen konzentriert. So werden beispielsweise Führungen durch den Luftschutzbunker im U-Bahnhof Gesundbrunnen organisiert. Doch während sich die etwa 20-köpfige Touristengruppe, ausgestattet mit Informationsbroschüren und Fotoapparaten, durch die Gänge schiebt, möchte der Bunker mit seinen in Glasvitrinen ausgestellten Relikten, auch durch die wiederholten Hinweise auf die erhaltene Originalbeschriftung an den Wänden zur Ausweisung der Toilettenräume und dem künstlich erzeugten, sich in der Endlosschleife ständig wiederholenden Effekt des Strom- und Lichtausfalls nicht wirklich authentisch erscheinen.

Industriegebiet Alt-StralauEin von Stadtplanern noch nicht vollständig überrolltes Gebiet findet sich auf Stralau. Während ein Großteil der Halbinsel Anfang der 2000er Jahre mit modernen Wohnanlagen und bürgerlichen Promenaden ausgestattet wurde, konnte das ehemalige Industriegelände an der Kynaststraße seinen historischen Charakter mit einem Hauch von Wildem Westen, irgendwo zwischen Prärie und industriellem Brachland, bis heute beibehalten. Die Vorhaben, den Flaschenturm der ehemaligen Engelhardt-Brauerei gewerblich zu nutzen, konnten bisher nicht realisiert werden. Auch die Pläne den Palmkernölspeicher im Nixenkai direkt am Ufer mit exklusiven Eigentumswohnungen auszustatten liegen erneut auf Eis. Die Glashütte gegenüber des Flaschenturms war kurzzeitig zur Partylocation ausgebaut und vorrübergehend als Club genutzt. Die Betreiber besaßen jedoch nur die Konzession zum Betrieb eines Internetcafés. Das nächltiche Treiben wurde der Einrichtung somit zum Verhängnis. Lediglich der Verein Unkul schaffte es die alte Teppichweberei der Firma Michael Protzen & Sohn anzumieten und offiziel zu einem alternativen Kulturzentrum auszubauen.

Was Walter Benjamin damals schon feststellte ist auch heute noch immer so: Berlin ist stets im Werden, nie im Sein. Daher wird es wohl immer solche Orte geben, die jedoch leider auch in Zukunft mehr Möglichkeiten bieten könnten als es die städtische Organisation und Verwaltung zulassen wird.
Daecher

Palmkernölspeicher
Flaschenturm

Köpenicker Straße 51

2 Kommentare »

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Kommentar von alex

5. Dezember 2006 @ 01:06

das ist ja industrieromantik pur. schade dass es mit der zeit stück für stück modernen neubauten weichen muss, obwohl sie doch vor historischer aussagekraft nur so strotzen. aber sobald diese gemäuer einmal als touristische attraktion erkannt sind, werden sie bestimmt nie mehr das sein was sie davor waren, dann nämlich werden sie mit sicherheistgeländern, notbeleuchtungen und noch schlimmer merchandising ihrer authentizität beraubt. es wird also immer ein geheimtip bleiben.
ich muss das auch sehen wenn ich mal wieder in berlin bin
gruss alex

183

Kommentar von grimm

3. März 2007 @ 16:52

schaut doch mal hier rein….

NEW HOMES LOST > http://42loop.de:8888/less-public/667

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